Darius Ziura

 

Selected Takes

 

06.03. – 24.04.2010
Eröffnung: 5. März 2010,
18:00 - 20:00 Uhr

 

 

Von dem litauischen Künstler Darius Ziura sollte man wissen, dass sein Nachname „schauen“ bedeutet. Für die Verheißungen und Risiken dieser fundamentalen Tätigkeit ist er besonders empfänglich. Er nimmt die Welt so wahr, wie sie sich ihm darbietet, nimmt aber auch aktiv Subjekte und Objekte mit hinein in sein Gesichtsfeld. Seit einigen Jahren bedient sich Ziura beim Filtern und Fixieren seines Blicks vornehmlich der fotografischen Linse, obwohl er ausgebildeter Maler ist und ab den späten 1990er ausgiebig mit Zeichnung und Video gearbeitet hatte. Er ist bereit, weit zu gehen, um seine visuals, wie er sie selbst nennt, zu finden und festzuhalten, denn für ihn sind sie Reflexionen von etwas viel Grösserem - von einem geistigen Raum, der immer im Aufbau begriffen ist. Ziura fokussiert Dinge in seiner unmittelbaren Umgebung, die von anderen übersehen werden, aber zu Bildern werden könnten. Er reist auch in entlegene und isolierte Gegenden und bringt von dort solche Motive mit wie verödete Bauernhöfe zu beiden Seiten der lettisch-litauischen Grenze oder die verlassenen Städte und Dörfer von Udmurtien im Nordosten Russlands.

 

Darius Ziura registriert, wählt und komponiert ständig visuelle Informationen. In dieser Ausstellung richtet er seine Kamera auf Frauen, die den Zugang zu ihren Körpern und sorgfältig gemessene Abschnitte ihrer Zeit in der Nähe des Bahnhofs von Vilnius verkaufen. Dieser Bahnhof existiert seit der Mitte der sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts, als die Eisenbahnstrecke zwischen Sankt Petersburg und Warschau gebaut wurde, doch wurde nie ganz in das historische Zentrum und in das Selbstbild der Stadt integriert. Er befindet sich noch immer „jenseits der Stadt“, und wenn die Leute vom „Bahnhofsviertel“ reden, dann meinen sie Schmutz, Verdorbenheit und dubiose Geschäfte. Dort Prostituierte zu holen, um sie durch die ganze Stadt in ein Atelier mitzunehmen ist eine Praktik, die manche missbilligen könnten. Diese Frauen mit weißrussischen, russischen, polnischen oder litauischen Namen für die Zeit zu bezahlen, die es braucht, um sie in ihrer merkwürdig unpassenden Unterwäsche zu fotografieren, verletzt die ungeschriebenen Gesetze sowohl der Prostitution als auch der Kunstproduktion. Ziura aber hat es getan. Was sich im Bahnhofsviertel abspielt, sagt er, ist eine anhaltende Folge des postsowjetischen Zusammenbruchs, ein Schauplatz von Verzweiflung und Gerissenheit, der die Stadt paradoxerweise vor dem Verlust ihrer Seele bewahrt.

 

Auf seine Art benutzt er die Modelle auch zur Befriedigung seiner eigenen Lüste, nicht zuletzt der Lust am Sichtbarmachen, am Erschaffen von Bildern, die uns zur Befriedigung unserer elementaren Neugier veranlassen. Natürlich haben auch Künstler in der Vergangenheit schon ähnliche Methoden angewandt. Die Künstler-Modell-Beziehung war durch die ganze Geschichte der westlichen Malerei und Skulptur hindurch ebenso angespannt wie produktiv. Sowohl den Modellen als auch dem Künstler wäre vermutlich wohler, wenn diese Bilder nie gemacht worden wären und nicht ausgestellt würden. Ziura enthält uns Namen und manchmal auch Gesichter vor, zum Schutz, als Garantie für Anonymität, doch zugleich vollendet er eben dadurch auch die Verwandlung vom Subjekt zum Objekt, zu der der fotografisch modulierte Blick und der weisse Hintergrund ohnehin schon anstiften. In Leuchtkästen präsentiert, verschaffen die relativ kleinen Farbdrucke und Videoprojektionen den Betrachtern uneingeschränkt Zugang zur physischen Dimension dieser Frauen, bis ins kleinste Detail, was normalerweise in ihrem Stundentarif nicht enthalten ist.

 

Überträgt der Drang zu sehen in Selected Takes tatsächlich den Drang gesehen zu werden? Das ist nicht immer leicht zu sagen, und es ist vielleicht diese Ambiguität, auf der diese Serie beruht. Doch wenn nicht, was könnte dann die Gewalt rechtfertigen, die diese Bilder repräsentieren? Eine mögliche Antwort besteht darin, dass die Gewalt gerade noch mild genug ist, um zulässig zu sein, aber stark genug, um als riskant für beide an der fotografischen Handlung beteiligten Parteien wahrgenommen zu werden. Dieses Operieren an der Grenze dessen, was getan werden kann und muss, ist eine Notwendigkeit nicht nur für Künstler, die es ernst meinen mit der ständigen Neuerfindung ihrer Praktiken, sondern auch für Betrachter, die gewillt sind, ein reifes und ausgewogenes Schauen zu praktizieren. Solche Betrachter beurteilen weder die Modelle nach ihrer prekären Situation noch den Künstler danach, dass er sie ausnutzt. Sie sind stattdessen in der Lage, die Anstrengung und die Selbstachtung zu registrieren, die diese Individuen trotz der verschiedenen Gefahren, denen sie sich aussetzen, ausstrahlen. Es könnte vermessen klingen, Darius Ziuras Unternehmen als gefährlich für ihn zu bezeichnen, aber das Terrain, auf das er sich mit dieser neuen Arbeit begibt, ist ein wahres Minenfeld von gefühlloser Ausbeutung, hochtrabendem Humanismus und ästhetischer Doppelzüngigkeit. In Bildern zu sprechen ist niemals sicher, weil Bilder aufgrund ihres Wesens als offene Aussagen für unzählige Interpretationen offen sind. Bilder zu nutzen, um über sensible Dingen zu spreche ist unter allen Umständen mutig.

 

Anders Kreuger, 2010, aus dem Englischen: Claudia Sinnig


Darius Ziura
Darius Ziura

Selected Takes

06.02. - 24.04.2010
Opening Friday, March 5th 2010, 6-8 pm

 

 

One piece of information about Lithuanian artist Darius Ziura which deserves to be known is that his name means ‘looking’. He is unusually sensitive to the promises and pitfalls of this fundamental activity. He observes the world as it presents itself to him, but he also actively brings subjects and objects into his field of vision. In recent years Ziura has mostly relied on the photographic lens to filter and fix his gaze, although he trained as a painter and has worked extensively with drawing and video since the late 1990s. He is prepared to go far to find and capture his ‘visuals’, as he calls them, but for him they reflect something much larger, a mental space that will always be under construction. Ziura focuses on things in his immediate surroundings which others have overlooked but which might become images. He also travels to remote and disconnected locations and brings back motifs such as the deserted farmsteads on each side of the Latvian–Lithuanian border or the forlorn towns and villages of the Republic of Udmurtia in north-eastern Russia.

 

Darius Ziura is constantly registering, selecting and composing visual information. In this exhibition he has turned his camera on the women who sell access to their bodies, and carefully measured segments of their time, near the railway station in Vilnius. The station has existed since the mid-1860s, when the St Petersburg-Warsaw railway line was built, but it has never been fully integrated with the city's historical centre or mental self-image. It is still ‘outside the city’, and when people speak of ‘the station area’ they have in mind filth, immorality and shady deals. Picking up prostitutes there and taking them across the city to pose in a studio is a practice that some might frown upon. Paying these girls with Byelorussian, Russian, Polish or Lithuanian names for the time it takes to photograph them in their curiously mismatched underwear breaks the unwritten laws of both prostitution and art production. Yet this is what Ziura has been doing. What goes on in the station area, he says, is a lingering after-effect of the post-Soviet breakdown, a display of desperation and cunning that paradoxically saves the city from losing its soul.

 

In his own way, he also uses these models to satisfy his desires, not least the desire to make visible, to create images that makes us see the ‘human interest’. Not that artists have not used similar methods in the past. The artist–model relation has been a fraught but productive one throughout the history of western painting and sculpture. The models, and the artist, would probably be more comfortable if these pictures had never been taken and if they were not exhibited. Ziura’s suppression of names, and sometimes of faces, may serve as protection, a guarantee of anonymity, but at the same time it completes the transformation from subject to object that the photographically amplified gaze and the white background instigate. Mounted in light-boxes, the relatively small colour prints and the video projection allow viewers unlimited access to the physical dimension of these girls’ selves in the minutest detail, something which is not usually included in their hourly rate.

 

In Selected Takes, does the drive to see really translate a drive to be seen? It is not always easy to tell, and this ambiguity may be what sustains the series. But if not, what can justify the violence that the images represent? A possible answer is that the violence is just about mild enough to be admissible, but strong enough to become perceptible as risk-taking by both parties to the photographic action. Operating on the edge of what can and should be done is necessary not only for artists who are serious about continuously reinventing their practice, but also for viewers who are willing to develop a mature and measured practice of seeing. Such viewers do not judge the models for their predicament, nor the artist for taking advantage of it. Instead they are able to register the struggle and the self-respect that these individuals radiate, despite the various dangers they expose themselves to. It might sound pretentious to speak of Darius Ziura’s undertaking as dangerous to him, but the territory he is moving into in this new work is a veritable minefield of callous exploitation, lofty humanism and aesthetic double standards. Speaking in images is never safe, since images are open to any number of interpretations by their very nature as open statements. Using images to speak of sensitive subjects is courageous under any circumstances.

                                                                                                          Anders Kreuger 2010

 

Installation view Darius Ziura "Selected Takes" Exhibition taking place at Antje Wachs Gallery, Berlin (D) March/April 2010
Installation view Darius Ziura "Selected Takes", 2010

 







Installation view Darius Ziura "Selected Takes" Exhibition taking place at Antje Wachs Gallery, Berlin (D) March/April 2010
Installation view Darius Ziura "Selected Takes", 2010