Eleonore de Montesquiou

 

Eléonore de Montesquiou

„Vabrik“

  

  

Laufzeit: 19. März – 21. April 2011

Eröffnung: 18 März 18-21 Uhr

  

  

Biografisch grundiert und motiviert beschäftigt sich die französisch estnische Künstlerin Eléonore de Montesquiou seit mehreren Jahren mit den Transformationsprozessen in der früheren Sowjetrepublik Estland – dem derzeitigen „Musterschüler“ der EU.

 

Die Geschichte der Textilfabrik Kreenholm bildet den Ausgangspunkt der in der Ausstellung „Vabrik“ versammelten Videoarbeiten, Fotografien und Zeichnungen, die symptomatisch die Zerrissenheit und Prägung der Menschen zwischen Sprachen, Kulturen und politischen Systemen schildert. Die Fabrik befindet sich in der estnischen Grenzstadt Narva, die seit der Unabhängigkeit Estlands 1991 in den estnischen Teil Narva und den russischen Teil Ivangorod geteilt ist. Das bedeutet: die Bewohner der Stadt benötigen ein Visum, wenn sie über die Brücke von Ivangorod in den anderen Stadtteil Narva gehen, da sie dabei eine EU-Außengrenze und Schengen-Grenze überqueren.

 

Poetisch und präzise gleichermaßen erzählt Eléonore de Montesquiou in der Videoarbeit „Vabrik “ (2010) die Geschichte der 1857 gegründeten Textilfabrik. Über ein Jahrhundert sicherte die Fabrik den Menschen in der Region die Existenz, beschäftigte in Hochzeiten bis zu 12.000 Arbeiter, wurde 1991 privatisiert und 2009 endgültig geschlossen. Das in der Videoarbeit verwendete Archivmaterial aus Sowjetzeiten verweist auf die frühere Größe und die glanzvollen Zeiten der Fabrik. Bilder von Tanzveranstaltungen, stolz präsentierten Babys im werkseigenen Krankenhaus sowie Aufführungen von Kindern im Kindergarten zeugen davon, dass die Fabrik nicht nur Arbeitsplatz war, sondern von Geburt an in alle Bereiche des Lebens der Arbeiter wirkte und dieses über Generationen hinweg prägte. Das schwarzweiße Archivmaterial zeigt auch die Arbeitsabläufe und Fertigungsprozesse in der Fabrik. Was wie beiläufig aufgenommen wirkt und authentisch- dokumentarischen Charakter verheißt, ist genauso wie die Fotografien im Nebenraum die inszenierte Realität der Repräsentation von Arbeit in der UdSSR. Das Archivmaterial ergänzt die Künstlerin durch ihr eigenes Material, das sie während ihrer zahlreichen Aufenthalte vor Ort aufgenommen hat und das bereits das Ende der Fabrik markiert. Im Gegensatz zu den sozialistischen Aufnahmen wird hier die Abwesenheit von Arbeit sichtbar. Diese Bilder sind ebenfalls in schwarzweiß gefilmt. Durch die farbliche Angleichung des unterschiedlichen Materials werden die verschiedenen Zeitebenen aus den 60er und 70er Jahren bis zum Zeitpunkt der Schließung in 2009 miteinander verwoben und verdeutlichen damit, wie stark die Vergangenheit immer noch nachhallt.

 

Welche Fragen und Lebensentwürfe sich aus so einer Situation ergeben zeigt Eléonore de Montesquiou in der Videoarbeit „Tallinn&Piter“ (2009). Gefilmt auf der Brücke zwischen Narva und Ivangorod stehen die Geschwister Sascha und Tanja, sowie Saschas Frau Nastja und diskutieren darüber, wo sie lieber leben möchten. In der estnischen Hauptstadt Tallinn oder in St. Petersburg. Während Sascha, der zwar in Estland geboren ist, aber nur russisch spricht nach St. Petersburg will, ist Tanja, die auch die estnische Sprache beherrscht, nach Westen ausgerichtet und will nach Tallinn. Die Frage nach sprachlichen, kulturellen und nationalen Grenzen und Identitäten verlaufen somit nicht nur innerhalb von Stadtgrenzen, sondern auch innerhalb familiärer Gefüge.

 

Elke Falat